Zu den Kernaufgaben der Museen gehört nach Eigendefinition neben dem Sammeln, Bewahren, Präsentieren und Vermitteln selbstverständlich auch das Forschen. Dies betrifft sowohl die Forschung zur eigenen Sammlung als auch zum Kontext. Die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha arbeitet hier national und international mit verschiedenen Forschungseinrichtungen zusammen und steht so in einem stetigen Austausch. Die Ergebnisse der Forschung werden dann nicht nur über Kataloge und das Internet internationalen Experten zur Verfügung gestellt, sondern es ist uns allen ein großes Anliegen, diese auch an ein Laienpublikum zu vermitteln.

 

Urtümliche Wirbeltiere aus der Bromacker-Fundstelle bei Tambach-Dietharz

Die weltberühmte Fundstelle für mehr als 280 Mio. Jahre alte Landwirbeltiere ist weiter Gegenstand internationaler Forschung. In den bisher geborgenen Funden hat sich noch eine weitere Reptilien-Art gefunden, die zurzeit von Paläontologen aus den USA und Kanada beschrieben wird. Dazu sind neue Grabungen am Bromacker geplant, um das Wissen über diese einzigartige Tierwelt zu erweitern. Einige Stücke werden zurzeit im Museum für Naturkunde in Berlin mit Hilfe von Computertomographen (CT) durchleuchtet, damit im Schädelinneren verborgene Merkmale sichtbar werden. Die Ergebnisse werden auf Fachtagungen vorgestellt, in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht und natürlich auch in zukünftige Ausstellungsprojekte zum Thema einfließen.

Eine Kooperation unter anderem mit dem Museum für Naturkunde Berlin.

 

Neuerfassung der antiken Vasensammlung

Als ein wissenschaftliches Gemeinschaftsprojekt der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha und des Archäologischen Instituts der Georg-August-Universität Göttingen ist 2017 mit einer wissenschaftlichen Bearbeitung der 300 Gefäße aus der Gothaer Antikensammlung begonnen worden. In Vorbereitung eines neuen Bestandskatalogs wurde damit begonnen, die griechischen Vasen zu vermessen, zu zeichnen und zu beschreiben. Der Interessenschwerpunkt liegt auf der Materialität und dem Design der antiken Gefäße, ihrer Verwendung in der Antike wie auch in modernen Kontexten. Entsprechend fußt das Kooperationsprojekt auf den Erfahrungen der Material Culture Studies und konzentriert sich bei den Untersuchungen besonders auf Formgebung, Funktion sowie Gebrauchsspuren der Vasen. Hierzu wird seitens der Stiftung eine umfassende 360°-Fotodokumentation erstellt und zusammen mit den neu erfassten Daten auch online zugänglich gemacht werden.

 

Forschungsfelder zum Gothaer Tafelaltar

Der sogenannte Gothaer Tafelaltar, entstanden um 1538 in Stuttgart, ist mit 162 Einzeltafeln das umfangreichste Werk der altdeutschen Malerei. Im Zuge des Reformationsjubiläums konnte das Objekt umfangreich restauriert und hinsichtlich seiner Materialität mit modernsten Methoden erforscht werden. Untersuchungen zur Ikonologie und eine vollständige Transkription aller Beschriftungen sind zusammen mit einem Überblick über den aktuellen Forschungsstand in einer ersten monographischen Publikation 2017 veröffentlicht worden. Darauf aufbauend beschäftigen sich verschiedene interne und externe Wissenschaftler in einem kooperativen Forschungsverbund gemeinsam mit den neu aufgeworfenen Fragestellungen. Neben grundlegenden Forschungen zur Entstehung, der Funktion und dem historischen Kontext sind auch Überlegungen zum theologischen Konzept von hoher Relevanz, die einen Bogen vom 16. bis in das 18. Jahrhundert schlagen, wo das Objekt erneut eine erhöhte Aufmerksamkeit genoss und eine neue Deutung erfuhr. Die zu erwartenden Ergebnisse werden in einen Sammelband einfließen.

Das Forschungsvorhaben wird unter anderem durch den Kulturkreis Herrenberg und den Freundeskreis Kunstsammlungen Schloss Friedenstein Gotha e.V. gefördert. 

 

Editionsprojekt Historische Kunstkammerinventare

Den Kernbestand der Sammlungen der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha bildet die barocke Kunstkammer. Sie lässt sich anhand der erhaltenen Inventare und der noch vorhandenen Objekte aus Kunst, Technik und Natur gut rekonstruieren. Auch die dokumentierten Verluste aus den Bereichen Gemälde und Kunsthandwerk tragen zur Rekonstruktion bei. Als Grundlage des Editionsprojektes werden die Transkriptionen der historischen Kunstkammerinventare von 1657, 1717 und 1764 erarbeitet. Diese sollen dann zusammen mit einem Bestandskatalog der identifizierten Objekte veröffentlicht werden. Durch diese Erschließung des Kunstkammerbestandes lässt sich beispielsweise sein Wandel in Funktion und Aufstellung nachvollziehen. Damit wird die Gothaer Kunstkammer der Forschung für verschiedene – insbesondere sammlungsspezifische – Fragestellungen zur Verfügung stehen.  

Das Projekt wird gefördert durch die Ernst von Siemens Kunststiftung.

 

Die Gothaer Fürstenbildnisse im Kupferstichkabinett

Ab dem 17. Jahrhundert zählten Porträtfolgen zu den Standardausstattungen der Haupträume in den fürstlichen Residenzen. Neben Gemälden, Büsten und Kleinplastiken sammelten die Gothaer Herzöge seit der Begründung ihrer Kunstkammer auch zahlreiche druckgraphische „Abcontrafacturen“ ihrer kurfürstlichen Vorfahren und albertinischen Vetter aus Dresden sowie der deutschen Kaiser, Päpste und anderer berühmter Persönlichkeiten. Die Blätter waren in Bänden geordnet und bilden noch heute einen großen Bestandteil des Kupferstichkabinetts auf Schloss Friedenstein. Über 300 Porträts aus dem 17. bis 19. Jahrhundert repräsentieren allein die Gothaer Regenten und ihre Familienmitglieder als Teil des gesamten graphischen Porträtbestandes. Ziel des Projektes ist zunächst die vollständige Erfassung und Digitalisierung der Gothaer Fürstenbildnisse. Weiterführend soll die ernestinisch-gothaische Porträtgraphik im Hinblick auf ihre Funktion als repräsentatives Medium im Sinne der Eigen- und Fremddarstellung untersucht werden. Hierbei gilt es auch die möglichen Beziehungen zu anderen Teilen der Kunstsammlungen auf Schloss Friedenstein zu berücksichtigen.

 

Bestandserfassung historische Spitzen

Die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha verfügt über eine Spitzensammlung von ca. 800 Einzelobjekten aus dem 16. bis 20. Jahrhundert, die in diversen Techniken, sowohl in Handarbeit als auch in maschineller Fertigung, hergestellt wurden. Der Depotumzug sowie erhebliche Schenkungen der letzten Jahre machten zunächst die Sichtung und Analyse der Spitzen erforderlich. Das Projekt umfasst weiterhin den Fotoscan, die Erfassung in der Datenbank imdas, die Bearbeitung bereits vorhandener Datensätze sowie die optimierte Magazinierung in staubgeschützten Schubladen des Textil-Depots. Als Zwischenergebnis des Projektes wurde die Sonderausstellung „À la mode. Spitzen von Renaissance bis Rokoko“ von März bis Mai 2018 im Herzoglichen Museum gezeigt, in der eine Auswahl der ältesten Spitzen mit relevanten anderen Objekten aus den Sammlungen in Beziehung gesetzt wurden. Abschließend ist die Veröffentlichung der Projekt-Ergebnisse in einem Online-Katalog geplant.

 

Gotha und das Britische Empire – Zum Jubiläumsjahr 2019

Ein mehrfaches royales Jubiläum – die Geburtstage der nachmaligen Prinzessin von Wales, Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg (*1719), der Königin Victoria von Großbritannien und Irland und ihres späteren Ehemannes Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (beide *1819) – wird für die Stiftung Schloss Friedenstein zum Ausgangspunkt für eine Reihe von Veranstaltungen: Gemeinsam mit der Universität Marburg wird die Stiftung vom 9. bis zum 11. Mai 2019 unter dem Titel „Dynastie – Wissenschaft – Kunst. Die Verbindungen der Dynastien Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen-Coburg und Gotha zum Britischen Empire“ in Gotha eine international, institutionsübergreifend und interdisziplinär angelegte Tagung abhalten. Mit Schwerpunkt auf dem 18. und 19. Jahrhundert sollen die deutsch-englischen Beziehungen in den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst, Literatur und Kultur näher beleuchtet werden. Die Ergebnisse fließen in einen Tagungsband. Zwei grafische Sonderausstellungen im Herzoglichen Museum Gotha stehen ebenfalls ganz im Zeichen des „englischen“ Jubiläums.

 

Forschungsprojekt „Verlustproblematik der Gothaer Sammlungen 1945 – 1949“

Wie kaum eine andere Museumslandschaft in Mitteldeutschland haben die Gothaer Sammlungen für Kunst und Wissenschaft unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges enorme Verluste erlitten. Seit den 1990er Jahren wurden diese für die Sammlungsbereiche Kunsthandwerk und Gemälde aufgearbeitet, so dass die Dokumentation 2000 online zugänglich gemacht werden konnte. Im März 2018 hat die SSFG ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das in Kooperation mit der Forschungsbibliothek Gotha die Situation der Sammlungen der Gothaer Anstalten für Kunst und Wissenschaft in den Jahren 1945 bis 1949 dokumentieren soll – insbesondere hinsichtlich der administrativen Zuständigkeiten seitens der Stadt Gotha und des Landes Thüringen. Soweit möglich, sollen im Rahmen des Projektes auch die unterschiedlichen Wege des „Abhandenkommens“ bedeutender Kunstwerke und Bibliotheksbestände rekonstruiert werden. Ziel dieses Projektes ist die Erarbeitung einer wissenschaftlich fundierten Grundlage für künftige Restitutionen von Kulturgütern, die in der Zeit von 1945 bis 1949 widerrechtlich aus den Gothaer Sammlungen entfernt worden sind. Die Ergebnisse werden Eingang in eine Publikation finden, in der auch bislang wenig beachtete Quellen erstmals veröffentlicht werden sollen.

 

Sammlungsgeschichte der Gothaer Museen in der DDR

Die primäre Aufgabe der Gothaer Museen nach 1945 bestand in der Sicherstellung und der Erhaltung von bestehenden Sammlungen, die im Zuge der Kriegsauswirkungen besonders im kunsthistorischen Bereich große Verluste erlitten hatten. Mit der Gründung der DDR 1949 setzte man Akzente auf eine systematische Sammeltätigkeit, welche die entstandenen Lücken in den Beständen schließen sollte. Man übertrug dabei den Museen die Verantwortung, in erster Linie die musealen Sammlungen über die sozialistische Gegenwart anzulegen. In diesem Zusammenhang stehen im Mittelpunkt der Untersuchung die Sammlungsstrategien der Gothaer Museen und ihre Auswirkungen auf die Bestandsprofilierung sowie auf die Ausstellungstätigkeit.